Start Brasilien Die Geschichte Brasiliens Ă–sterreicher in Brasilien - Dreizehnlinden
Ă–sterreicher in Brasilien - Dreizehnlinden Drucken E-Mail

 



Am 29. März 1933 wurde die „Österreichische Auslandssiedlungsgesellschaft“ in Wien, mit dem Ziel gegründet, im Ausland geschlossene österreichische Siedlungen zu errichten. Präsident und größter Fürsprecher jener Gesellschaft war der aus Tirol stammende ehemalige Landwirtschaftsminister Andreas Thaler. Unmittelbar nach Errichtung der Gesellschaft machte dieser sich auf den Weg nach Südamerika, um geeignetes Land zu erkunden und zu erstehen. Seine Reise ging dabei nach Chile, Paraguay, Argentinien und Brasilien. Schnell glaubte Thaler in Paraguay den idealen Siedlungsraum gefunden zu haben, ließ sich mit Argumenten wie der hohen Kindersterblichkeit jedoch von seinem Plan wieder abbringen. In Cruzeiro do Sul, der heutigen Bezirksstadt Joacaba im Bundesstaat Santa Catarina überzeugte ihn der ehemalige deutsche und später österreichische Konsul Walter von Schuschnigg ein Gebiet von etwa 52 km2 nördlich der Stadt zu erwerben. Die österreichische Regierung ging für den Kauf in Vorleistung und so erstand die Aussiedlungsgesellschaft ihr erstes Gebiet in Übersee, dass Thaler, nach dem Werk von Friedrich Wilhelm Weber „Dreizehnlinden“ nannte.


Zwar hatte das Werk im Eigentlichen nichts mit Österreich zu tun, jedoch begeisterte es bis zum zweiten Weltkrieg Generationen von Lesern und hatte einen festen Platz im Lehrplan deutschsprachiger Schulen. Als „Sänger von Dreizehnlinden“ wurde (der rote) Weber, der promovierte Mediziner, im Alter von 65 Jahren zum bedeutendsten Dichter Westfalens. Auch wenn er und sein Stück in Vergessenheit geraten sind, so hat doch die Botschaft seines Stückes nicht an Aktualität verloren. Es geht um Nächstenliebe und Toleranz, die über Fremdenfeindlichkeit, Hinterhältigkeit und Gewalt triumphieren. Die Geschichte spielt im westfälischen Nethegau um 822 und erzählt in Gesängen die Liebesgeschichte des heidnischen Sachsen Elmars und der Christin Hildegunde. Im Zentrum der Erzählung steht der Aufenthalt Elmars in der Abtei Corvey bei Höxter, wo er als Verwundeter fernab von Hass und Gewalt durch eine Sächsische Seherin am Körper und durch den Abt am Geist gesundet und  so zu einer Erneuerung gelangt, die Heidentum und Christentum in Einheit vollbrachten.


Auch Thaler wollte wohl mit der Aussiedler-Gemeinde Treze Tílias (Dreizehnlinden) ein Refugium für seine Landsleute schaffen, dass ganz im Geist der Zeit für Besonderes geschaffen war. Bevor es  jedoch die bedeutendste österreichische Siedlung in Brasilien werden konnte, musste Thaler zurück nach Österreich und mit Zusagen der brasilianischen und österreichischen Regierung für deren Unterstützung Siedler gewinnen.

 

 

Thaler, selber Tiroler und mit den Bedingungen des Landes vertraut, machte keinen Hehl daraus, dass es harter Aufbauarbeit im Siedlungsgebiet bedurfte, die insbesondere die Tiroler Bauern aus ihrem Leben kannten. Diese waren noch dazu durch die Weltwirtschaftkrise von 1929 / 30 besonders hart betroffen und viele steckten in Schulden und Schwierigkeiten, von denen sie sich im kleinen Österreich nicht so leicht erholen konnten, wie in einem Staat, der nicht so unter den Auswirkungen des ersten Weltkrieges litt, wie ihre Heimat. Außerdem war Tirol ein kinderreiches Bundesland, jedoch durch die Erbfolgebestimmungen bekam jeweils nur der älteste Sohn den Hof und das Land vererbt und die restlichen Kinder, die nur die Landwirtschaft gelernt hatten, gingen leer aus.


Durch Werbemaßnahmen unterstützt gelang es Thaler mehr und mehr zukünftige Siedler zu motivieren, sich zu melden und am 08.09.1933 verließen die ersten Neu-Brasilianer aus Österreich ihre Heimat und erreichten am 18.09.1933 Rio de Janerio. Nach weiteren 18 Tagen zur Abklärung der Einreiseformalitäten machte man sich auf den Weg ins neue Siedlungsgebiet. Zur großen Überraschung der Auswanderer fand man dort eine Kleinstsiedlung von Österreichern aus Krems, die bereits seit 1930 dort wohnten, jedoch noch nicht viel zustande gebracht hatten. Thaler erkannte, dass es wichtig war, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und so schaffte er mehr öffentliche Einrichtungen, Schule und Krankstation und veranstaltete in seinem „Tiroler Haus“ Tirolerabende, um den Erfolg voranzutreiben, diese Ferienwohnung Österreich wurde erst kurz vorher fertiggestellt. Nach drei Jahren berichtete er über die Fortschritte in Briefen an die alte Heimat und bald darauf kamen weitere Aussiedlertransporte in die junge Niederlassung. Bereits ein Jahr später, 1937, kam es dann zur Gründung der Tochtersiedlungen Babenberg und Dolfuß, in Anlehnung an den österreichischen Bundeskanzler.


Im Jahre 1939, Österreich war inzwischen dem Deutschen Reich „angeschlossen worden“ und die Siedlung dem deutschen Generalkonsulat in Joacaba unterstellt, kam sein Gründer, Andreas Thaler, bei einem Hochwasser zusammen mit weiteren Siedlern in den Fluten ums Leben. In der Zeit des zweiten Weltkrieges wurde der Gebrauch der deutschen Sprache in Brasilien, das sich mit dem Deutschen Reich im Krieg befand, unter Strafe gestellt und die Siedlung, die sich jetzt Papuan nennen musste, enteignet. Erst Jahre nach dem Krieg erhielten die ehemaligen Siedler bzw. deren Nachfahren das Land zurück, das sich jetzt Treze Tílias nannte. Die Wirtschaft florierte bald wieder als man sich darauf besann Milch und Holzschnitzereien zu verkaufen. Schulen und Krankhäuser entstanden oder wurden renoviert und Straßen wurden gebaut. 1963 wurde Dreizehnlinden zum Munizip erklärt und erhielt daraufhin eine Teerstraße von der Landesregierung. Die Verbindung zur alten Heimat riss auch nie ganz ab und zwischenzeitlich kam auch von dort finanzielle Unterstützung.
Heute ist die ehemalige Siedlung auf etwa 5.500 Einwohner angewachsen und hat sich zum Touristenort gemausert. Hauptsächlich Brasilianer aus anderen Landesteilen frequentieren das idyllische brasilianische Tirol, „O Tirol brasileiro“.

Sehen Sie hierzu auch einen filmischen Beitrag ĂĽber die Traditionspflege und das heutige Aussehen der Tiroler Siedlungen in Brasilien.

 
Banner